Donnerstag, 24. August 2017

[Rezension] Und es schmilzt

- Gebunden -

Autorin: Lize Spit
Übersetzt von Helga van Beuningen
Verlag: Fischer

Erscheinungsdatum: 24. August 2017
Originaltitel: Het smelt

ISBN-13: 978-3103972825
Seitenzahl: 512 Seiten
Reihe: nein

Preis: 22,00€

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Mit geschlossenen Augen hätte Eva damals den Weg zu Pims Bauernhof radeln können. Sie könnte es heute noch, obwohl sie viele Jahre nicht in Bovenmeer gewesen ist. Hier wurde sie zwischen Rapsfeldern und Pferdekoppeln erwachsen. Hier liegt auch die Wurzel all ihrer aufgestauten Traurigkeit.
Dreizehn Jahre nach dem Sommer, an den sie nie wieder zu denken wagte, kehrt Eva zurück in ihr Dorf – mit einem großen Eisblock im Kofferraum.



Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem ich hinterher so leer, so ohne Worte und gleichzeitig mit so großem Redebedarf zurückblieb. Es ist grausam, auf ganz verschiedenen Ebenen, aufwühlend und beklemmend und trotzdem so packend und so großartig geschrieben, das man es nicht weglegen kann und will. 

Eva erhält eine Einladung von ihrem Kindheitsfreund Pim. Eine Einladung die alte Wunden aufreißt und ihr Einiges abverlangt, vor allem den Schritt zurück in ihr Heimatdorf, in das sie schon seit Jahren keinen Fuß mehr gesetzt hat. Denn an diesem Ort hängen für Eva trostlose und schreckliche Erinnerungen.
Trotzdem kehrt sie zurück, im Gepäck einen großen, schweren Eisblock.

Dieses Buch ist so unendlich kalt und wird mit jeder gelesenen Seite noch kälter, denn man spürt, das man auf schlimme Dinge zusteuert und man hat keinen Schimmer wie schlimm sie sich tatsächlich entwickeln.

Als Leser taucht man in Evas Gedanken- und Gefühlswelt ein, die auf mich sehr distanziert und hart wirkte. Ihre Geschichte, in der Ich-Perspektive erzählt, spielt sich auf verschiedenen Zeitebenen ab. So erleben wir Eva einerseits als Mittzwanzigerin die ein sehr tristes Leben lebt und als junges Mädchen, als Kind an der Stufe zur Pubertät, als Teil der "Drei Musketiere", die sich aus ihr und ihren Freunden Pim und Laurens zusammensetzen. Es ist keine wirklich innige Freundschaft, das wird einem schnell klar, sondern eher ein Umeinander-Buhlen. Pim bildet den Mittelpunkt des Trios und sowohl Laurens als auch Eva wollen ihm stets gefallen um seine Anerkennung gewinnen. Dabei schießen sie irgendwann sehr weit über das Ziel hinaus und lassen sich zu Dingen hinreißen, für die man schwer Worte finden kann. Vor allem Eva lässt sich von den Jungs demütigen ohne dies zu erkennen. Als die Idee zu einem "Spiel" aufkommt, da nutzen die Jungs ihre, ja ich möchte es fast schon Hörigkeit nennen, so richtig aus und läuten so, vielleicht bewusst, vielleicht auch unbewusst, ihren letzten gemeinsamen Sommer ein. Einen Sommer, der Eva für immer verändern wird.

Auch in der Familie gibt es wirkliche Probleme. Es ist eine lieblose Kindheit, die Eva und ihre Geschwister Tesje und Jolan erleben. Der Vater hat Todessehnsucht, die Mutter säuft, um ihr Leben überhaupt irgendwie zu ertragen. Was ihre Kinder umtreibt interessiert sie nicht. Besonders schlimm trifft es neben Eva die Jüngste: Tesje. Sie entwickelt Verhaltensauffälligkeiten, bei denen man sich permanent fragt, warum es außer Eva und Jolan scheinbar niemandem auffällt. Das ganze Dorf schaut weg. Als Mutter hätte ich Schreien wollen, weil die Merkmale für eine psychische Störung gar nicht noch auffälliger hätten sein können.

Es ist eine durchweg krasse Geschichte, der man sich trotz ihrer Brutalität, aller Grausamkeiten und auch Perversionen, nicht entziehen kann, so sehr man es vielleicht auch möchte.

Für mich war dieses, wirklich gewaltige Debüt auch ein persönlicher Trigger, es hat mich einige schlaflose und unruhige Nächte gekostet in denen Selbsterlebtes wieder hochkam, das ich wie Protagonistin Eva gerne einfach für immer vergessen würde.
Man sollte das Buch vielleicht mit einer kleinen Warnung versehen. Jemand der mit kindlichen und perversen Gewaltexzessen schwer zurecht kommt, vielleicht auch aufgrund von Selbsterlebtem, dem würde ich von dieser Lektüre fast schon abraten. Mich hat es sehr beschäftigt, nicht unbedingt auf gute Weise.

Trotzdem hat es mich aber auch beeindruckt und wie oben schon erwähnt, konnte ich mich Evas Geschichte nicht entziehen.

Das Ende ist alles andere als harmonisch oder rund. Es kommt abrupt, eiskalt, beklemmend und Lize Spit lässt mir nicht nur das Blut in den Adern gefrieren, sondern sie überlässt mir als Leserin offenen Spielraum um mir selbst zu erdenken wie es wohl ausgeht für Eva, aber auch für ihre Geschwister, für Pim und Laurens.

UND ES SCHMILZT ist ein großartig literarisches, sehr intensives, aber auch brutales und eiskaltes Werk, das bei mir definitiv sehr lange nachhallen und im Gedächtnis bleiben wird.



WEITERE MEINUNGEN ZUM BUCH

Kommentare:

  1. Hallo Ina,

    das Buch hat mich durch sein Cover aufmerksam gemacht, aber nur anhand des Klappentextes wäre es jetzt nicht auf meiner Wunschliste gekommen.

    Es klingt nach einem sehr schweren Buch, das ich mir trotzdem als lesenswert erachte, aber ich glaube, es braucht auch die passende Stimmung.

    Liebe Grüße

    Silke

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  2. Hallo liebe Ina,

    vielen Dank für deine schöne Rezension! Das Buch hat mich bei den Neuerscheinungen total angesprochen, dank deiner Rezension wandert es nun auf meine Wunschliste ♥

    Liebe Grüße
    Charleen

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  3. Danke für deine Worte - da habe ich doch gleich mal gestöbert.
    Zur passenden Stimmung, liebe Silke - ich glaube, dass man sich hier einfach reinlesen sollte. Man ist schnell in der Geschichte drin - okay, für den Strand ist es nicht unbedingt geeignet.

    Ganz liebe Grüße - Bini

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    1. Dankeschön, ich werde mir das auf jeden Fall auf die Wunschliste setzen. :)

      Liebe Grüße,
      Silke

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  4. Huhu!

    Der Klappentext hat in mir direkt übelste Befürchtungen hervorgerufen, und ich habe inzwischen mehrere Rezensionen gelesen, die alle sagen, dass das Buch wirklich unheimlich an die Nieren geht... Damit kommt sicher nicht jeder klar, aber es wäre wohl ein Buch ganz nach Kafkas Geschmack gewesen! Der hat ja mal gesagt, man solle überhaupt nur Bücher lesen, die einen beißen und stechen.

    Ich bin noch nicht sicher, ob ich damit zurechtkommen werde, denn die Warnung, was das Selbsterlebte betrifft, trifft bei mir nicht auc taube Ohren... Aber ich möchte es versuchen, notfalls werde ich es abbrechen.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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  5. Zu dem Buch habe ich schon so viele Rezensionen gelesen, die alle zu einem ähnlichen Schluss kommen wie Du. Es steht jedenfalls schon ganz oben auf meiner Wunschliste!

    Liebe Grüße,
    Anne

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