Donnerstag, 2. August 2018

[Rezension] Du wolltest es doch

- Hardcover -

Autorin: Louise O'Neill
Übersetzt von Katarina Ganslandt
Verlag: Carlsen

Erscheinungsdatum: 27. Juli 2018

ISBN-13: 978-3551583864
Seitenzahl: 368 Seiten

Preis: 18,00€
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Emma ist hübsch und beliebt, die Jungs reißen sich um sie. Und sie genießt es, versucht, immer im Mittelpunkt zu stehen: Das Mädchen, das jeden herumkriegt. Bis sie nach einer Party zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrem Haus aufwacht. Klar, sie ist mit Paul ins Schlafzimmer gegangen. Hat Pillen eingeworfen. Die anderen Jungs kamen hinterher. Aber dann? Sie erinnert sich nicht, aber die gesamte Schule weiß es. Sie haben die Fotos gesehen. Ist Emma wirklich selber schuld? Was hat sie erwartet – Emma, die Schlampe in dem ultrakurzen Kleid?
Schon bei der ersten Vorstellung des Buches, da war mir ganz deutlich bewusst, das die Thematik dieses Buches für mich nicht leicht zu verdauen sein würde. Und genau so war es auch. Louise O' Neill hat mich mit DU WOLLTEST ES DOCH an meine persönlichen Grenzen gebracht und ich muss gestehen, das ich einmal eine kurze Pause einlegen musste, um die Geschichte sacken zu lassen und mich von Emma, die mir innerhalb kürzester Zeit so nah war, ein Stück weit zu distanzieren, damit es für mich wieder erträglicher wird.

Dieses Buch kann also, und ich muss das immer und immer wieder so deutlich sagen, ein Trigger für all jene unter Euch sein, die schon einmal Opfer von sexueller Gewalt wurden, die unter Depressionen und Angstzuständen leiden oder die einfach und schlicht, anfällig und empfindlich auf harte Themen wie Victim Blaming ( Opfer-Täter-Umkehr ), Vergewaltigung, Mobbing und ähnliches reagieren. 

Allen anderen, möchte ich dieses Buch aber dringend ans Herz legen, denn DU WOLLTEST ES DOCH ist ein so realistischer Roman, der sich mit einem riesigen Problem unserer Zeit beschäftigt.

Emma ist das schönste Mädchen in ganz Ballinatoom, Irland. Und das weiß sie auch. Sie provoziert mit aufreizenden Outfits und macht keinen Hehl daraus, das sie sich gerne mit Jungs umgibt. Sie genießt es, das ihr alle zu Füßen liegen. 
Auf einer Party, da trinkt sie allerdings zu viel, sie wirft Pillen ein und schließlich verschwindet sie mit dem viel älteren Paul im Schlafzimmer.

...Filmriss....

Zwei Tage später ist die Welt plötzlich eine ganz andere ! Emma wird von ihren besten Freundinnen geächtet, sie wird in der Schule verspottet, beleidigt. In den Social Medias tauchen Bilder auf, die sie in eindeutiger Pose zeigen. Die Kommentare darunter: HURE, FLITTCHEN, SCHLAMPE ! "Die wollte es ja gar nicht anders". "Easy-Emma".

Was niemand sieht: Das Mädchen wirkt auf den Bildern teilnahmslos und weggetreten. Doch dem Mob genügt es, die Feinheiten zu übersehen und sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren...denn wer will bei sowas schon den Tatsachen ins Auge sehen, wenn das Mädchen es durch sein Verhalten ja sowieso förmlich provoziert hat ? Da wird sie schon Gefallen an der Sache gefunden haben....


Louise O'Neill widmet sich in ihrem Roman auf sehr schonungslose und authentische Art und Weise, die manch einen Leser sicher erschrecken dürfte, dem Thema Vergewaltigung und dem DANACH.

Emma ist ganz klar das Opfer in dieser Tragödie, doch ihr Umfeld suggeriert ihr, das sie die Situation selbst provoziert hätte, das sie, sollte sie die Jungs anzeigen, die ihr Schreckliches angetan haben, das Leben dieser zerstört. Und überhaupt ist die Situation ja vielleicht doch einfach nur aus dem Ruder gelaufen, schließlich kommen die Jungs ja alle aus gutem Hause. 

Der Umgang mit Emma hat mich unglaublich wütend gemacht. Besonders die Tatsache wie ihre eigene Familie reagiert. Ihr Vater kann sie nicht mehr ansehen, verbringt mehr Zeit bei der Arbeit als Zuhause, ihre Mutter resigniert. Alle scheinen mit sich selbst beschäftigt und niemand hinterfragt, wie es Emma mit dieser Situation geht. Einzig ihr älterer Bruder scheint besorgt und versucht, Emma dazu zu bewegen wieder am Leben teilzunehmen. Allerdings gestaltet sich dies in einer Kleinstadt wie Ballinatoom, in der jeder jeden kennt, sehr schwer, denn egal wohin Emma auch geht, die Leute flüstern und tuscheln hinter ihrem Rücken, sie wird auf der Straße angerempelt oder verspottet. Kein Wunder, das sie in eine tiefe Depression verfällt und sich selbst verliert. 

Emma ist ein Charakter, bei dem es mir gerade zu Beginn sehr schwer fiel eine Verbindung aufzubauen, denn sie ist, das muss man einfach so sagen, nicht gerade eine Sympathieträgerin. Sie wirkte auf mich sehr kalt und distanziert, war sich ihrer selbst immer sicher und bewusst, das sie sowieso das bekommt was sie haben will. Im Verlauf macht sie dann aber, aufgrund des Erlebten eine extreme Verwandlung durch. Sie wirkt beinahe apathisch und ihr Gedankenkarussell dreht sich unaufhörlich. Sie hinterfragt all die hässlichen Kommentare und Nachrichten, die sie auch ein Jahr später noch bekommt und redet sich selbst ein, das da vielleicht doch auch Wahrheit mit drin steckt. Sie sieht sich selbst als eine Art Täterin, die die Zukunft von jungen Männern verbaut, weil sie sich doch selbst an nichts aus dieser Nacht erinnern kann. Wie kann sie da also irgendetwas behaupten, selbst wenn die Bilder eine eindeutige Sprache sprechen ???

Leider ist genau das was Emma passiert, in der heutigen Zeit ein ganz großes und ernstes Thema, das wir immer wieder diskutieren und überhaupt zur Sprache bringen müssen. Vergewaltigungen in den Nachrichten gehören heute ja schon fast zur ( sehr traurigen ) Realität. Wie kann es sein, das solche Gräueltaten heutzutage so oft toleriert werden, wenn die Frau ( bzw. das Opfer ) es doch förmlich darauf angelegt hat, mit ihrem Outfit, mit ihrem Verhalten, etc. 

Es gibt ein sehr interessantes Nachwort der Autorin, das eigentlich alles sagt, was ich auch dazu denke. Auch der Verlag hat ein eigenes Nachwort angehängt, das eine sehr wichtige Aussage enthält. 

Ein bisschen schockiert war ich davon, wie die Autorin die Geschichte um Emma auflöst. Allerdings nur für einen kurzen Moment, denn leider kommt auch hier wieder die traurige Realität zum Tragen, die zeigt, welch einen Kampf es für ein Opfer bedeutet, zu seinem Recht zu kommen. Ich kann Emmas Entscheidungen, auch aus eigener Erfahrung heraus, unheimlich gut verstehen und trotzdem haben sie mich auch traurig und wütend gemacht. 

DU WOLLTEST ES DOCH ist ein Roman in dem ein sehr schweres Thema vorherrscht, das aber unbedingt immer wieder angesprochen und diskutiert werden muss. Heute mehr denn je. 
Es ist ein brutaler, aber authentischer Roman, der jede Menge Stoff zum Nachdenken bietet und den ich unbedingt auch als Schullektüre empfehlen würde. 


Kommentare:

  1. HI Ina
    über Insta haben wir ja schon geschrieben, mir ist diese Diskussion aber gerade zu heftig. Ich weiß das es irre wichtig ist, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu zerren um den Opfern zu helfen, die noch zu oft als Täter oder als was weiß ich abgestempelt werden. Ich kann nur sagen, ich bin so dankbar, das ich dieses Buch nicht bekomme zum lesen, weil der Verlag ja bei mir mal ziemlich verletzend schrieb das ich ja nur Quantität anstatt Qualität bin, zu einem Zeitpunkt, wo Krebs bei mir frisch diagnostiziert wurde, und das hat mir mehr als den Boden weggezogen und das hab ich auch heute noch nicht vergeben.
    Zum Buch selbst, selbst wenn es mir angeboten worden wäre, ich hätte es nicht angenommen, weil diese Thematik ungewollt sowieso derzeit bei mir im Vordergrund steht, und ich mich erst mal wieder stabilisieren muss, denn Trauma brechen dann oft auf, wenn man nicht mit rechnet.
    Deswegen ich finde es gut, das du es gelesen hast, ich selbst hätte es nicht geschafft und habe auch von Audrey vor ein paar Wochen deswegen des Buch abgebrochen. Es ist aber wirklich gut, das es ENDLICH in den Vordergrund gezogen wird, denn Missbrauch ist MIssbrauch und gehört ENDLICH in richtige Hände und vor allem sollte es endlich mehr Strafe geben als bisher.
    Gruß Nicole

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    1. Liebe Nicole,

      das was dir persönlich widerfahren ist und auch deine Erfahrungen mit dem Verlag tun mir natürlich sehr leid. Ich weiß ja nicht, wie lange letzterer Fall schon zurück liegt, kann dir aber sagen, das Carlsen seit einiger Zeit ein ganz wunderbares Bloggerteam hat und uns Blogger wirklich toll betreuen. Vielleicht gibst du ihnen ja irgendwann nochmal eine zweite Chance.

      Was den Rest betrifft, da bin ich ganz bei dir. Ich kann total gut verstehen, das das Buch nicht für jeden geeignet ist, da es ja doch ganz schön triggert, auch ich bin beim Lesen ein paar mal wirklich stark an meine Grenzen gekommen. Aber es ist natürlich dennoch wichtig, das dieses Thema endlich weiter in den Fokus gerückt wird, damit sich da endlich was bewegt, denn in diesem Fall läuft in unserem Rechtssystem wirklich vieles falsch.

      Alles Gute für dich.

      LG Ina

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  2. Hi Ina,
    ich habe mich nun doch entschlossen die Geschichte zu lesen, allerdings werde ich noch nicht so richtig warm mit ihr. Ich hab jetzt ungefähr 50 Seiten gelesen und muss sagen, dass ich Emma extrem unsympathisch finde und sie mich stellenweise echt nervt mit ihrem arroganten Verhalten. Natürlich gibt das niemandem das Recht ihr Gewalt anzutun. Ich bin jetzt Mal gespannt wie es weiter geht und ob ich noch irgendwie in die Geschichte rein finde.
    Liebe Grüße
    Caro

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    1. Les mal weiter ;)

      Ich habe anfangs genau so empfunden, deshalb habe ich das mit der Sympathieträgerin geschrieben, denn Emma ist definitiv keine. Sie ist das krasse Gegenteil davon, wie man sich ein klassisches Opfer so vorstellt. Sie wird deine Meinung im Verlauf ändern.

      Lass mich wissen, was du am Ende denkst :)

      LG Ina

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  3. Ich finde das Ende richtig bescheiden. Was steht da für eine Message dahinter . Für mich kommt das Verhalten von Emmas Vater ,nach ihrer Entscheidung kommt einer weiteren Vergewaltigung gleich .
    Was sagt denn ihre Entscheidung aus???? Ich müsste jetzt spoilern ...... man muss sich selbst doch so viel wert ,sein das man das wie es am Ende ausgeht nicht macht. Was suggeriert das anderen Betroffenen ? Letzten endes sagt es .... ja ich wollte es ....

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    1. Sorry das "kommt " hinter Entscheidung ist dazwischen geraten. Da sollte ein Komma(,) hin .

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    2. Leider zeigt dieses Ende aber die Realität und das erschreckt doch sehr, muss ich sagen. Von daher fand ich es okay, so wie die Autorin es aufgelöst hat. Sie erläutert ihre Entscheidung ja auch noch einmal in ihrem Nachwort und sicher, ich dachte auch erst, das sie es hätte anders auflösen müssen. Doch warum ? Um die Wahrheit zu beschönigen ? In Deutschland werden jährlich 13,7% der Vergehen angezeigt, NUR. Die Dunkelziffer der tatsächlichen Taten ist allerdings viel viel höher. Nur wenige Frauen oder Mädchen oder generell Opfer bringen sie zur Anzeige, weil die Situation sich einfach so darstellt, das die Gerichte diese Fälle ewig nicht verhandeln. Gestern Abend habe ich durch Zufall eine Reportage auf HR gesehen, die sich genau mit diesem Thema befasst, da gab es eine junge Frau, die vergewaltigt wurde und wo die Beweise eindeutig und so belastend sind, das der Täter direkt hätte verknackt werden können. Ein Vorzeigefall, wie es eigentlich laufen MÜSSTE. Doch der Täter ist auch nach fünf Jahren noch nicht verurteilt, weil sich das Gericht derzeit nicht in der Lage sieht, diesen zu bearbeiten. Das muss man sich mal vorstellen. Seit 5 Jahren lebt diese arme Frau nicht nur mit dem was ihr passiert ist, sondern auch mit der Tatsache, das sie a. als Opfer nicht ernst genommen wird und b. das der Täter noch immer so frei herumläuft.

      Ich bewundere diese Frau für ihr Durchhaltevermögen und würde mir von Herzen wünschen, das mehr Opfer diesen Mut aufbringen und sich diesem langen langen Weg stellen, den es zu gehen gilt, wenn man seinen Fall erst einmal zur Anzeige gebracht hat. Leider sind das aber die Wenigsten und genau DAS muss man aufrütteln und ich finde, das ist der Autorin absolut gelungen, weil Emmas Handeln am Ende doch extrem zum Nachdenken anregt !

      LG Ina

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  4. Huhu Ina. :*

    Danke für deine Meinung zu diesem Buch! Deine Meinung ist sehr präzise und sehr interessant. Auf jeden Fall will ich das Buch nun auch haben und lesen, da mich deine Meinung dazu nun vollkommen überzeugt hat. :) Mir gefällt das Buch auch vom Thema her, denn ich bin gespannt wie die Umsetzung eines ernsten Themas in diesem Buch ist.

    Liebe Grüße,

    Benny

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    1. Das freut mich Benny ! Wirklich. Mir liegt das Thema, vielleicht gerade auch durch mein eigenens Versagen im eigenen Fall, sehr am Herzen. Da freu ich mich natürlich, wenn ich auf das Buch aufmerksam machen und es Euch empfehlen kann und ihr diese Empfehlung auch annehmt. Lass mich auf jeden Fall wissen, wie du es findest, wenn du zum Lesen kommst.

      LG Ina

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  5. Huhu Ina,

    ganz tolle ausführliche Rezension. Das Buch steht bei mir nächste Woche an und ich bin echt gespannt ob mich die Umsetzung überzeugen kann. Ich liebe ja realistische Geschichte, wenn man das so sagen kann. Von Clean warst du ja glaub auch begeistert, das fand ich persönlich eher mau. Deswegen bin ich echt gespannt.
    Liebe Grüße, Kerstin

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    1. Huhu Kerstin,

      ja CLEAN fand ich toll, weil es doch auch recht realistisch gehalten war, was den Weg vom Entzug bis zur Selbstakzeptanz und Selbstfindung anging. Das war schon recht authentisch dargestellt, mit allen Höhen, Tiefen und auch Rückschlägen. Ein Manko war der ganze Luxus, den hätte man weglassen können, aber okay :)

      Ich bin gespannt wie du DU WOLLTEST ES DOCH finden wirst.

      LG Ina

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  6. Hallo Ina,

    vielen Dank für deine ausführliche Rezension :) Ich habe das Buch auch bereits im Regal stehen und freue mich nun ganz besonders drauf. Auf jeden Fall werde ich es noch im August lesen.

    Liebe Grüße
    Charleen

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  7. Hallo Ina,
    das Buch ist auch schon bei mir eingezogen. Ich bin sehr gespannt darauf was mich hier erwartet. Zwar tue ich mich mit solch ernsten und schwierigen Themen gerade etwas schwer, aber da ich selbst eine Tochter im Teenageralter habe muss ich es einfach lesen. Zumal ich es auch wichtig finde mit solchen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen.
    Danke für deine ausführliche und überaus interessante Rezi.
    LG Christine

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  8. Eine wirklich spannende Buchbesprechung. Ich sehe das wie du: das Thema darf nicht totgeschwiegen werden, dennoch werde ich mir das Buch nicht holen, da ich bei der schweren Thematik sehr emotional regiere :-) Lesen ist Entspannung, da will ich abschalten.
    Dennoch glaube ich, dass jemand, der nicht so ein Weichei ist wie ich, bestimmt sehr viel aus diesem Buch ziehen wird.
    Liebe Grüße
    Martina

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  9. Liebe Ina,
    danke dir für deine Rezension! Ich hab so viele unterschiedliche Rezis zu diesem Buch gelesen. Deine Rezi hat mich auf jeden Fall überzeugt, mir meine eigene Meinung über die Geschichte zu bilden.
    Ganz liebe Grüße
    Katharina

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